I. Vor - Sätze
Wer die Menschen behandelt wie sie sind, macht sie schlechter.
Wer die Menschen aber behandelt wie sie sein könnten, macht sie besser.
(Johann Wolfgang von Goethe)

II. Allgemeine Informationen
Unsere Einrichtung ist ein kleines Kinderheim. In einem familiären Rahmen geführt, nennen wir es Kinderhaus, als Abgrenzung zu großen, schichtdienstbasierten Heimen. Das Haus bietet bis zu 8 Wohnplätze für Jungen und Mädchen in einer vollstationären Gruppe. Wir nehmen Kinder ohne untere Altersbegrenzung auf und betreuen sie bis zur Rückführung in die Familie oder bis zur Verselbständigung und, wenn von allen an der Maßnahme Beteiligten gewünscht, auch über das 18. Lebensjahr hinaus.

Das Kinderhaus befindet sich in Welterod, einem kleinen Ort mit ca. 500 Einwohnern im rheinland-pfälzischen Taunus, unweit der Loreley. Landschaftlich sehr schön gelegen, ist es umgeben von einem 1800 qm großen Grundstück. Der Ort selbst ist dörflich geprägt, verfügt jedoch über eine gute Anbindung an wirtschaftliche und edukative Infrastrukturen. Das Kinderhaus, die ehemalige Schule von Welterod, befindet sich in der Ortsmitte gegenüber dem Bürgerhaus.
Durch die zentrale Ortslage - in den Räumen des Bürgerhauses, bzw. auf dem Platz zwischen Kinderhaus und Bürgerhaus finden Vereinsarbeit, Feste und kulturelle Veranstaltungen statt – sind die bei uns lebenden Kinder „mitten im Geschehen“. Ihr Mitwirken
in den Vereinen (,Kinder- und Jazzgymnastik, Leichtathletik, Fußball, Jugendfeuerwehr, Mountainbike, sowie regional THW, Taekwondo u.a.) und bei Festen sowie bezüglich der kirchlichen Jugendarbeit begünstigt die Integration in die Dorfgemeinschaft. Zudem gestatten ländliche Lage und Verkehrsberuhigung ungefährdete Aktivitäten im Freien. Ein Kindergarten befindet sich direkt gegenüber unseres Hauses. Zu allen Schularten bestehen gute Verkehrsverbindungen.

Resultierte zunächst aus der Gründerzeit der Einrichtung und der damit verbundenen früheren geographischen Lage besonders der Bezug zur hessischen Jugendhilfe, so werden wir längst auch von Jugendämtern anderer Bundesländer belegt.

III. Einrichtungsstruktur
Das Kinderhaus „Blaues Ländchen“ ist eine private Einrichtung der Jugendhilfe. Träger und Leiter ist Herr Michael Walter, Diplom-Sozialarbeiter. Wir sind Mitglied im „Bundesverband privater Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe (VPK), in der „Interessengemeinschaft Kleine Heime“ Hessen (IKH) und der „Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen“ (IGFH).

Neben dem Heimleiter ist seine Frau, Hella Winkler-Walter (Diplom-Sozialpädagogin, zertifizierte Referentin für Sozialkompetenztraining und Gewaltprävention in gruppen), für die Tag- und Nacht-betreuung der Kinder verantwortlich. Als elternergänzende Bezugspersonen wohnen beide in dem privat geführten Haus mit den Kindern und Jugendlichen zusammen. Drei pädagogische Mitarbeiter-Innen sind als Bezugsbetreuer u. a. für die Hausaufgaben- und Freizeitbetreuung zuständig, pflegen Kontakte zu Eltern, Lehrern, Ärzten der Kinder u. v. m. An Wochenenden werden die Kinder in der Regel vom Heimleiter und seiner Frau betreut. Einmal im Monat übernehmen die pädagogischen Mitarbeiter den Wochenenddienst. Die Leitung und die Mitarbeiter bilden schon seit über 10 Jahren in derselben Zusammensetzung ein Team und bieten den Betreuten somit eine hohe Beziehungskonstanz.

Außerdem arbeiten eine Verwaltungskraft, eine Hauswirtschafterin sowie eine Kraft für Fahrten und Hausmeistertätigkeiten bei uns. Wir kooperieren mit externen Therapeuten verschiedenster Fachrichtungen, ein Supervisor hilft in monatlichem Abstand bei der Reflektion der Arbeit.

IV. Aufnahmekriterien
Aufgenommen werden Kinder und Jugendliche aller Altersstufen. Hauptkriterium ist in jedem Fall, daß die Hilfe zur Erziehung in einer Gruppe fachlich angemessen ist, bzw. die Integration in die Gruppe möglich erscheint.

Wir nehmen Kinder bei uns auf, die ein liebevoll-konsequentes pädagogisches Umfeld benötigen, um in eine selbständige und eigenverantwortliche Rolle wachsen zu können.

Es sind Kinder aus
- Familien, in denen vorübergehend oder auf Dauer eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist,
- Pflegefamilien, die nicht mehr die im Einzelfall notwendige und geeignete Hilfe zur Erziehung anbieten können,
- psychiatrischen Kliniken,

Die Kinder müssen in der Lage sein, öffentliche Kindergärten, Schulen bzw. Sonderschulen und reguläre Ausbildungsgänge besuchen zu können.
Nicht aufgenommen werden Kinder und Jugendliche mit
- schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen, die pflegerischer Betreuung bedürfen
- gravierenden Suchtproblemen
- massiv ausgeprägtem delinquenten Verhalten.

Eine Aufnahme wird auf Grundlage eines Hilfeplanes vereinbart. Die Dauer der Maßnahme wird mit dem zuständigen Jugendamt und den Eltern abgestimmt.

V. Rechtsgrundlagen
Die Rechtsgrundlage für die Aufnahme und Betreuung von Kindern und Jugendlichen bilden:

- § 27 SGB VIII             in Verbindung mit § 34 SGB VIII, Einrichtung zur Heimerziehung, in gruppen-
                                      pädagogischer Form, zentral organisiert.
- § 41 SGB VIII            Hilfe für Jugendliche, junge Volljährige, Ausgestaltung der Hilfeformen nach § 27 - 40 SGB VIII
- § 35a SGB VIII           Hilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche
- § 27 - 32 SGB VIII     Ambulante Hilfen, Tagesgruppen
- § 42 SGB VIII            Hilfe zur Versorgung von Kindern in Notsituationen
- § 34 SGB VIII            Betreutes Wohnen
- § 41 SGB VIII            Nachbetreuung
- § 31 SGB VIII            Sozialpädagogische Familienhilfe
- § 53 SGB VIII            Eingliederungshilfe für behinderte Menschen

VI. Unser pädagogisches Selbstverständnis
Unsere pädagogische Ausrichtung orientiert sich am Kind/dem Jugendlichen als Individuum, als Teil der Gruppe und als Teil der Gesellschaft. Wir begleiten es/ihn in Richtung auf eine Integration ins Kinderhaus oder Rückführung in die Herkunftsfamilie, Vorbereitung auf ein selbständiges Leben oder eine Weitervermittlung in Anschlußmaßnahmen.

Wir fördern altersgemäße, geschlechtsspezifische und entwicklungsbezogene Fähigkeiten mit dem Ziel der Stärkung des Selbstbewußtseins, des Selbstwertgefühls und der Selbst-/Sozial-/Sachkom-petenz. Voraussetzung für die optimale Entfaltungsmöglichkeit eines Kindes ist, neben seinen materiellen, besonders auch seine individuellen emotionalen und psychosozialen Bedürfnisse weitestgehend zu befriedigen. Sie erfahren deshalb bei uns ein hohes Maß an Zuwendung und Verläßlichkeit. Zu den Entfaltungsmöglichkeiten gehören auch die Hinführung zu altersgemäßer Gestaltung des eigenen Lebensraumes und adäquater Freizeitgestaltung.

Zum verständnisvollen Eingehen auf individuelle Verhaltens- und Charaktermerkmale bedarf es nicht zuletzt unserer Flexibiliät, zu der auch das Respektieren von phasenweise regressivem oder gar pathologischem Verhalten gehört. Ergänzende therapeutische Angebote orientieren sich an diesen Eigenheiten des Kindes und seiner Lebensgeschichte.

VII. Leitbild
Wir verstehen uns als Partner von Kindern, Eltern und Jugendämtern in der Erziehungshilfe unter dem Fokus der Zusammenarbeit mit Schulen, Ausbildungsstellen, Therapeuten, Ärzten etc. Den Kindern und Jugendlichen wollen wir einen Lebensraum anbieten, in dem sie sich wohlfühlen und als Individuum in ihrer Ganzheitlichkeit von Körper, Geist und Seele wachsen können. Dieser Lebensraum ist gekennzeichnet durch verläßliche Regeln und Alltagsstrukturen, die Sicherheit und Orientierung geben. Das Ausbalancieren zwischen den Wünschen und Bedürfnissen des Individuums einerseits und der Gemeinschaft andererseits, fördert die Entwicklung zur sozialen Persönlichkeit. Ausgehend vom situativen Ansatz holen wir das Kind/den Jugendlichen da ab, „wo es/er ist“, nehmen Rücksicht auf seine individuellen Probleme und bringen seinen Stärken Wertschätzung entgegen.

VIII. Betreuungsangebote
1. Vollstationäre Betreuung
Sie umfaßt als Vollzeitpflege das Wohnen im Kinderhaus, die Verköstigung, die Hausaufgaben- und Freizeitbetreuung u. v. m. Ausführliche Darstellung in Punkt VIII. „Das pädagogische Arbeitsfeld“.

2. Hilfe zur Versorgung von Kindern in Notsituationen
Kurzfristige und zeitlich begrenzte Inobhutnahme eines Kindes oder eines Jugendlichen, wenn eine dringende Gefahr für sein Wohl dies erfordert. Die Inobhutnahme stellt eine vollstationäre Betreuung dar.

3. Nachbetreuung/Betreutes Wohnen
Zur Erleichterung für Jugendliche/junge Erwachsene, die in die Verselbständigung gehen. Wir unterstützen dort, wo lebenspraktische Fähigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt worden sind, beispielsweise im Schriftverkehr und Kontakt mit Behörden, im Aufteilen des verfügbaren Geldes, in Konfliktsituationen usw.

4. Sozialpädagogische Familienhilfe
Intensive Betreuung und Begleitung von Familien in ihren Erziehungsaufgaben, Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen, der Lösung von Konflikten und Krisen sowie im Kontakt mit Ämtern und Institutionen. SPFH ist Hilfe zur Selbsthilfe, und wir bieten sie nicht nur Familien im Zuge der Rückführung eines stationär untergebrachten Kindes/Jugendlichen an, sondern auch zur Vermeidung einer Heimunterbringung von Kindern.

IX. Dokumentation und Evaluation
Gemeinsam mit den Eltern, dem Kind/Jugendlichen und dem Jugendamt werden in Hilfeplangesprächen meß- und erreichbare Ziele, bzw. Teilziele formuliert. Den gesamten Erziehungs-, Betreuungs- und Entwicklungsprozeß dokumentieren wir in Entwicklungs-berichten. Dies geschieht in der Regel halbjährlich, als Grundlage für die jeweiligen Hilfeplangespräche, situativ auch öfter. Die Berichte basieren auf unserem hausinternen, professionellen Dokumentationsprogramm QDS (Qualitätsdarstellungssystem). In ihm werden nicht nur täglich die wichtigsten Ereignisse und Informationen festgehalten, sondern Krisensituationen und -interventionen. Außer in den vorerwähnten Hilfeplangesprächen überprüfen wir ständig teamintern in wöchentlichen Teamsitzungen, monatlichen Supervisionen und Einzelfallbesprechungen (Controlling), welche Fortschritte auf dem Weg zum nächsten Teilziel erreicht wurden, bzw. welche noch wünschenswert sind. Ein externer Qualitätsbeauftragter unterstützt uns in der Reflektion unserer Arbeit.

X. Beschwerdemanagement
In Wertschätzung der Persönlichkeit eines Kindes und seiner Rechte, sowie zur steten Verbesserung und Reflektion unserer Arbeit haben wir ein Beschwerdemanagement eingeführt. Rechte, Pflichten Hausregeln und Konsequenzen wurden gemeinsam mit den Kindern erarbeitet und hängen in Schriftform in einem Gemeinschaftsraum aus. Bei der Aufnahme in unsere Einrichtung wird jedes Kind hierüber informiert und nach seinen Erwartungen an uns gefragt. Ihm wird die Funktion der Hausrunden bzw. des Kinderparlamentes erläutert. Es wird darauf hingewiesen, bei welchen Personen bzw. Institutionen es sich ggf. Unterstützung in Konflikten holen kann. Für anonyme Beschwerden steht ein „Kummerkasten“ bereit. Eine beschwerdeführende Person erfährt Wertschätzung in ihrem Anliegen. Inhalte der Beschwerde werden besprochen, lösungsorientiert bearbeitet und ggf. weitergeleitet. Die beschwerdeführende Person bekommt Rückmeldungen über unternommene Schritte und Ergebnisse. Darüber hinaus machen wir Umfragen über die Zufriedenheit mit unserer Arbeit bei den uns belegenden Jugendämtern, den Eltern, Schulen und Lehrstellen. Kritische Rückmeldungen nehmen wir zum Anlaß, unser Handeln zu reflektieren und zu verbessern.

XI. Das pädagogische Arbeitsfeld
Das pädagogische Arbeitsfeld umfaßt ein vollstationäres und ambulantes Betreuungsangebot in allen Lebensbereichen. Wir begegnen den bei uns zur Aufnahme kommenden Kindern und Jugendlichen mit emotionaler Wärme, Empathie und Akzeptanz.

Um einen familiären Rahmen zu wahren, verbringen die beiden festen Bezugspersonen die meisten Wochenenden sowie einen Großteil der Schulferien mit den Kindern. Durch das kontinuierliche Zusammenleben mit den Kindern kommt das Prinzip des Vorlebens in allen Lebensbereichen zum Tragen. Sie erfahren ihre Bezugspersonen in allen möglichen Alltagssituationen, von der Hausarbeit über den Umgang von Erwachsenen miteinander, handwerklichem Tun bis hin zu Freizeit und Integration in private Familien- und Freundeskreise.

1. Der Lebensraum der Kinder und Jugendlichen
Die vollstationär aufgenommen Kinder bewohnen in der Regel Einzelzimmer, die überwiegend nach eigenen Vorstellungen eingerichtet und gestaltet werden können. Sie dürfen sich Haustiere halten, sofern sie bereit und fähig sind, diese verantwortlich zu versorgen. So gibt es derzeit Vögel, einen Kater, einen Hund und ein Kaninchen - wir hatten aber auch schon Schafe, Hühner, Fische, Meerschweinchen und ein Pferd.

2. Vorschulische und schulische Betreuung
Ein Kindergarten befindet sich im Ort in unmittelbarer Nähe der Einrichtung. Zu den Schulen werden die Kinder mit Schulbussen gefahren. Die Grundschule befinden sich in Miehlen, Haupt- und Realschule sowie eine Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen in Nastätten, ein Gymnasium in St. Goarshausen. Ebenfalls in der näheren Umgebung gibt es eine Schule mit dem Förderschwer-punkt ganzheitliche Entwicklung sowie eine Sprachheilschule. Eine Waldorfschule und eine Berufsfachschule befinden sich in erreichbarer Entfernung. Gegebenenfalls lassen wir bei uns wohnende Kinder und Jugendliche schulpsychologisch hinsichtlich der passenden Schulform testen oder im Heilpädagogisch Therapeutischen Zentrum Neuwied auf Legasthenie oder Dyskalkulie untersuchen.

Die außerschulische Betreuung, in erster Linie bei den Hausaufgaben, erfolgt zu verbindlich festgelegten Zeiten in der Wohngruppe. Die individuelle Betreuung übernimmt der jeweilige Bezugsbetreuer, welcher auch die Schulkontakte zu den Lehrern pflegt. Übergeordnete Schulkontakte nimmt der Heimleiter wahr.

3. Berufliche Förderung
Berufsausbildungen sind direkt im Ort oder in der näheren Umgebung möglich. Ausbildungsstellen finden wir nicht nur in Zusammenarbeit mit Institutionen wie der Agentur für Arbeit, dem Internationalen Bund (IB) oder Werkstätten für Behinderte, sondern auch durch Beziehungen zur regionalen Geschäftswelt. Die hierzu notwendige Mobilität der Jugendlichen wird durch unseren hauseigenen Fahrdienst gewährleistet.

4. Tagesablauf
Gemeinsam mit einem Mitarbeiter nehmen die Kindern/Jugendlichen ein Frühstück ein. Im Anschluß an das Zähneputzen und Bettenmachen fahren die Kinder mit dem Bus zur Schule. Nach ihrer Rückkehr übernimmt eines von ihnen im Wechsel den Küchendienst (Tisch decken, abräumen, Spülmaschine ausräumen). Das Mittagessens wird im Turnus von Mitarbeitern zubereitet und gemeinsam mit den Kindern eingenommen wird. Hierauf folgt die Hausaufgabenzeit. Je nach Notwendigkeit erhalten die Kinder gezielt Unterstützung durch ihren Bezugsbetreuer. Danach haben die Kinder Freizeit bis zum Abendessen. Sie können sie alleine, mit Freunden im Haus oder aus dem Ort, mit den Betreuern (Spiele, Sport, Basteln uvm.) oder im Verein verbringen. Im Turnus stehen zudem Therapien und Diensterledigungen (Grundstücks- oder Wäschedienst) und mindestens einmal wöchentlich die Hausrunde (Kinderparlament) an. Das Abendessen verläuft analog wie das Mittagsmahl. Danach haben die Kinder noch einmal Freizeit. Einige verbringen sie mit ihrer peergroup, andere beschäftigen sich am Computer, lesen Bücher, spielen Gesellschaftsspiele, schauen fern oder gehen in örtliche Vereine. Vor dem Zubettgehen, dessen Zeiten altersgemäß gestaffelt ist, achten wir darauf, daß der Körperhygiene und der Zimmerordnung genügegetan wurde. Jüngere Kinder werden mit einem Bettgehritual in den Schlaf begleitet.

An Wochenenden unternehmen wir oft mit den Kindern, die gerade nicht ihre Eltern/Verwandten besuchen, Ausflüge (Radtouren, Schwimmbad, Kino u.v.m) oder wir spielen, basteln usw. Meist ersetzen wir das Mittagessen hier durch eine Zwischenmahlzeit unterwegs und essen abends warm. Wir legen Wert darauf, daß die Freizeit nicht (nur) in Form von Fernsehen/Konsolespielen, sondern aktiv gestaltet wird.
Die Ferien verbringen die Kinder teils bei ihren Eltern/Verwandten, teils gemeinsam mit uns. Wir gestalten die Ferien meist mit Ausflügen oder Spielen im Haus. Auch ist es möglich, daß die Kinder sich an Ferienfreizeiten von Anbietern wie der Arbeiterwohlfahrt o. ä. beteiligen.

5. Mahlzeiten
Wir bereiten unsere Mahlzeiten so zu, daß sie einerseits dem Geschmack der Kinder entsprechen, andererseits aber auch der Notwendigkeit einer ausgewogenen Ernährung dienlich sind. Durch Beteiligung aller mit der Erziehung beschäftigten Mitarbeiter und der Kinder entsteht ein vielseitiger und abwechslungsreicher Speiseplan. An Wochenenden und in Ferien werden die Kinder in die Zubereitung der Mahlzeiten einbezogen

6. Freizeitgestaltung
Vorleben beinhaltet nicht nur das Aufzeigen von adäquaten Umgangsformen miteinander, Konfliktlösungsstrategien und Verhaltensalternativen, sondern auch von positiven Lebensformen. Ganz selbstverständlich bildet daher der freizeit- und erlebnispädagogische Aspekt einen unsere Arbeit begleitenden Rahmen. Angebote, die für das Kind oft neu und ungewohnt sind, stellen eine Herausforderung dar, deren Bewältigung für Kinder mit geringem Selbstvertrauen einen Zuwachs an Selbstbewußtsein und -vertrauen sowie eine Vertiefung der Beziehung zu Betreuern und der Gruppe geben kann. Auch in diesem Teil der Arbeit zeigt sich die Wichtigkeit der Vorbildfunktion der Bezugspersonen im erzieherischen Bereich.

Das Vorleben der jeweils eigenen vielfältigen Interessen, Fähigkeiten und Hobbies erleichtert die Vermittlung eines ausgefüllten Freizeitverhaltens. Begeistert angenommen werden z. B. Fahrten ins Gelände mit dem Landrover und Ausflüge. Begabungen, Inter-essen und Neigungen, die die Kinder mitbringen, suchen wir nach Kräften zu unterstützen und zu fördern. Nur beispielhaft seien hier die hausinternen Turnstunden, unsere Fitneßgeräte, das große Trampolin, Radtouren, Fußballspiele, Schwimmen und kreatives Arbeiten mit den verschiedensten Materialien genannt. Angebote bestehen auch seitens der örtlichen und regionalen Vereine, z. B. mit den Abteilungen Fußball, Gymnastik, Taekwondo, sowie der Jugendfeuerwehr und des Technischen Hilfswerkes.

7. Partizipation der Kinder / Jugendlichen
Die bei uns wohnenden Kinder und Jugendlichen haben in vielen Belangen Mitwirkungs-, Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht. Regelmäßig wöchentlich stattfindende Hausrunden dienen als Kinderparlament. Hier können sie, zusätzlich zu den alltäglichen, situativen Gesprächen, Probleme und Wünsche ansprechen und ausdiskutieren. Die Hausrunden werden auch genutzt für Fortschreibungen von Hausregeln, für Besprechungen von Konflikten oder Regelüberschreitungen und daraus resultierenden Konsequenzen, für Planungen von Unternehmungen, für Projekte zu Themen wie Konflikt-, Sucht- und Gewaltprävention, Sexualität, Gesundheit, Hausverschönerung, Rollenspiele, usw. Außerdem werden die Kinder/Jugendliche an der Erstellung von ihren individuellen Entwicklungsberichten, Essensplänen u.v.m. beteiligt.

8. Therapeutisch-pädagogische Angebote – intern und extern
Falls die psychische Verfassung eines Kindes dies erfordert, beziehen wir in unsere Arbeit therapeutische Fachkräfte mit ein, die bei der Aufarbeitung erlittener emotionaler Verletzungen unterstützend mitwirken. Darüber hinaus integrieren wir therapeutische Methoden in das Alltagsgeschehen. Wir berücksichtigen sie in der Kommunikation, in der Freizeitgestaltung (Schwimmen, Bewegung, Gestalten und Sich-Ausdrücken mit formbaren Materialien u.a.) sowie hinsichtlich der Erlebnispädagogik. Auch der Haltung von Haustieren messen wir therapeutischen Wert bei, da manche Kinder zunächst eher bereit sind, sich Tieren anzuvertrauen und ihre Zuneigung zu schenken, als Menschen. Daraus erwächst häufig die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung. Zum therapeutischen Rahmen gehören natürlich auch die Zimmer der Kinder, die soweit als möglich nach deren eigenen Ideen ausgestattet und gestaltet werden dürfen.

9. Krisenintervention
Zur konstruktiven Reaktion auf Krisen und Konflikten in oder außerhalb unserer Einrichtung haben wir Pläne für Handlungssicherheit entwickelt (Krisenablaufplan, Notfalltelefonliste, Melderaster für besondere Vorkommnisse, Erste-Hilfe-Kurzanleitung) und vorbeugende Maßnahmen zur Handlungskompetenz ausgearbeitet (Fortbildungen aller pädagogischen MitarbeiterInnen, Ersthelferausbildung aller pädagogischen MitarbeiterInnen, Projektarbeit unter Einbeziehung der Polizei, Evakuierungsübungen mit der örtlichen Feuerwehr u. a) . Weitere vorbeugende Maßnahmen zielen auf Gewaltprävention (Sozialkompetenztraining, Stärkung des Selbstwertgefühls der Kinder und Förderung des adäquten Umgangs mit ihren Gefühlen, Vorleben und Thematisieren von gewaltfreier Kommunikation, Deeskalationstraining für die Gruppe u.a.), Deeskalation/Selbstschutz (Selbstverteidigungskurs für MitarbeiterInnen - z. B. Taekwondo - , Ruhe bewahren und konsequentes Erzieherverhalten u.a.) und Nachbereitung der Krise bzw. auf die Konfliktbearbeitung ab (Konfliktreflektion mit Täter und Opfer u.a.).

Alle Krisen werden in unserem QDS-Programm dokumentiert und - falls nötig - entweder zeitnah den zuständigen Jugendämtern, den Eltern und evtl. der Polizei zur Kenntnis gebracht oder im Rahmen von Hilfeplangesprächen thematisiert.

10. Elternarbeit und familiäre Kontakte
Elternarbeit ist für uns selbstverständlich. An dieser Stelle sei jedoch betont, daß für uns an erster Stelle das Kindeswohl steht. Die jeweiligen familiären Interaktions- und Beziehungsmuster berücksichtigend, sollten Besuche der Kinder bei ihren Eltern und / oder Verwandten von beiden Seiten gewünscht und pädagogisch nicht kontraproduktiv sein. Die Besuchsregelung unter qualitativen und quantitativen Gesichtspunkten ist daher Bestandteil des Hilfeplans. So können Besuche mit oder ohne Betreuung erfolgen, im Elternhaus oder bei uns stattfinden, lediglich einige Stunden dauern oder sich über das ganze Wochenende oder gar einen Teil der Ferien erstrecken.

11. Ältere Jugendliche, junge Erwachsene/Entlassungsituationen

11.1. Rückführung
Wir sind gerne bereit - falls im individuellen Hilfeplan von allen Beteiligten als erreichbares und wünschenswertes Ziel vereinbart -, an einer Reintegration ins Elternhaus mitzuarbeiten. Dieser Prozeß bedarf erfahrungsgemäß oft begleitender, stabilisierender und unterstützender Maßnahmen. Unsere Vorbereitung auf die Rückführung umfaßt Gespräche mit dem Kind/Jugendlichen, den Eltern und dem Jugendamt, die Erstellung eines Zeitplans und eines Übergabeprotokolls, die Erhöhung der Besuchszeitenfrequenzen bei den Eltern und den Abschied von der Gruppe und außerhäusigen Sozialkontakten. Auf Wunsch führen wir auch den Umzug durch. Für eine begrenzte Zeit nach der Reintegration bieten wir SPFH an, wenn sie von allen Beteiligten erwünscht und entfernungsmäßig sinnmachend ist. Gegebenenfalls bereiten wir die Übergabe an eine externe SPFH vor/aus.

11.2. Umzug in eine andere Einrichtung
Wenn die Unterbringung in eine andere Einrichtung geplant ist, führen wir im Vorfeld Gespräche mit dem Kind/Jugendlichen, den Eltern, dem Jugendamt und der neuen Einrichtung, in dem die Entwicklung des Kindes/Jugendlichen in unserem Haus reflektiert und ausgewertet wird. Zur Strukturierung des Wohnortwechsels fertigen wir einen Zeitplan und ein Übergabeprotokoll an. Wir stehen dem Kind/dem Jugendlichen bei der Besichtigung der anderen Einrichtung zur Seite und begleiten den Abschied von der Gruppe und außerhäusigen Sozialkontakten. Auf Wunsch führen wir auch den Umzug durch.

11.3. Verselbständigung
Viele unserer „Schützlinge“ verlassen die Einrichtung erst, nachdem sie eine qualifizierende Schulausbildung erworben und den Einstieg in eine Berufsausbildung bewältigt haben. Im Rahmen des Älter-Werdens bereiten wir die Jugendlichen schrittweise auch auf ein eigenständiges Leben vor. Der zunehmenden persönlichen Reifeentwicklung folgend, werden in diesem Rahmen Betreuungs-schwerpunkte sukzessive von einer Vollversorgung auf die Vermittlung lebenspraktischer Inhalte im Hinblick auf die Selbständigkeit gewichtet. Unsere Vorbereitung auf die Verselbständigung umfaßt die schrittweise Erhöhung der Anforderungen an den Jugendlichen, das Einüben im Schriftverkehr und Kontakt mit Behörden, das Einüben im Aufteilen und Dokumentieren des verfügbaren Geldes, das Einüben im Einkauf und selbständigen Kochen, die Unterstützung bei der Suche einer Wohnung, Hilfestellung bei der Möblierung u.a. Falls gewünscht, führen wir auch den Umzug durch. Um die Eingewöhnung in die neue Wohnung zu erleichtern, bieten wir - falls gewünscht und entfernungsmäßig sinnvoll - eine Nachbetreuung an, deren zeitlicher Rahmen und inhaltliche Ausgestaltung mit dem Jugendamt und dem Jugendlichen vereinbart wird.

XII. Schluß-Sätze
Wichtig für uns ist, daß wir unsere Ideale im Bewältigen von Alltag(sroutinen) nicht aus den Augen verlieren. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß wir uns mit den Kindern ändern: docendi discimus, als Lehrende lernen wir, wußten schon die Römer. Diese Erkenntnis berücksichtigend, werden wir unsere Arbeit ständig reflektieren und neue Ansichten, Erfahrungen und Vorgehensweisen konzeptionell fortschreiben.

Eines wollen wir in jedem Fall beibehalten: Unser Engagement zum Wohle der Kinder und Jugendlichen.

Welterod, im Dezember 2009